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Elias Schneitter: Venedig. Jugendoman.
Innsbruck: Kyrene 2010. 88 Seiten. EUR 8,50. ISBN 978-3-900009-69-6
Die Welt der Jugendlichen ist gefüllt von Sehnsucht und Melancholie, darin gleicht sie der Welt der Erwachsenen aufs Haar.
Elias Schneitter nennt seinen Sehnsuchts-Roman „Venedig“. Das wirkt wie ein Losungswort, das die Lösung aller Probleme verspricht.
Ein 15-jähriges Girl formuliert als Ich-Erzählerin sein Lebensprogramm in inneren Monologen, delirierenden Trink-Sequenzen und SMS-ähnlichen Botschaften an die Freundin Melissa. Das Leben verläuft um diese biographische Zeit abenteuerlich ungelenk und ruckartig in wachen, dann wieder düsteren Sequenzen.
Peripher spielt die Schule noch eine Rolle, aber eigentlich dient sie nur dazu, dass man sich selbst Entschuldigungen schreibt und Schule schwänzt.
Ein guter Tag beginnt mit einem Getränk und endet mit schwerem Kopf im Kreisverkehr des eigenen Bettes. Ein guter Tag ist strukturiert nach Lokalen, an denen man ordentlich abhängen kann, während man sich alkoholisch auffüllt. Zuerst geht es in der Stadt in das berühmte Wiener, worin ganze Jahrgänge von Schulschwänzern sitzen. Gegen Abend hin gibt es dann noch einen Abstecher ins Lentsch, denn in dieser öden Dorfsiedlung ist außer dem Lentsch nichts los, so dass man an einem Ort alle trifft, die noch einen Hauch Lebensgeist in sich haben.
Die Probleme reichen von der richtigen Kleidung, über das richtige Aussehen bis hin zur richtigen Sprache, mit der man die Boys in interessante und fade Typen einteilen kann. Zwischendurch rutscht einem auch ein Geschlechtsverkehr heraus, der durchaus Angst machen kann, zumal die Verhütung nicht stimmt.
Manchmal wird die Zeit so fad, dass sich die Erzählerin wieder in die Schule wünscht. Das Leben kann nämlich mitten im Tag stehen bleiben und versickern, wenn man es nicht immer wieder mit etwas Sprit antreibt.
So mehr als Floskel denn als überlegter Gedanke taucht plötzlich der Wunsch auf, nach Venedig zu fahren. Endlich hat das Leben einen Sinn, denn die Erzählerin und ihre Freundin können alle Sehnsucht in dieses Wort hineinlegen: Venedig.
Elias Schneitter erzählt dokumentarisch genau, was sich so alles bei 15-jährigen abspielt. Jeder Satz und jede Fügung sind Zitate jener Sätze, wie sie in Bussen, in Kaufhäuser oder auf Gehsteigkannten vorkommen, wenn Jugendliche beisammen stehen, während die Erwachsenen mit großen Ohren daran vorbei gehen.
„Jus macht Schluss mit lästigen Subjekten“, (38) sagt etwa ein angehender Jus-Student.
Der Jugendroman erzählt gnadenlos genau von einer Jugend, der die Erwachsenen ein Rätsel sind. So erfährt die Erzählerin von der Oma nichts außer der Farbe der Stuhlgänge. (45)
Venedig ist ein ironisches Erzählunterfangen, in dem jedes Wort stimmt. Nachdenklichkeit geht in Gelächter über, während man als Leser lacht, wird einem schon wieder der Boden der Fröhlichkeit entzogen und der nächste Kübel der Transzendenz über den Kopf gestülpt. Aufregend.
Elias Schneitter: Notizen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters. Prosa. Mit Zeichenblasen, Girlanden und Vignetten von Hans Pfefferle.
Innsbruck: Skarabaeus 2009. 151 Seiten. EUR 17,90. ISBN 3-7082-3271-3
Szenen einer Dichterexistenz
Elias Schneitter und seine Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters
Allein der Titel ist Poesie. Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters. Und Programm. Elias Schneitter ist wohl der einzige österreichische Beatnik und er zeigt mit seinem neuen Buch einmal mehr, dass diese Literatur ausgesprochen lesbar ist. Und nochmal: Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters. Quasi On the road (Kerouac) in der Provinz, denn das Café Central ist eine literarische Institution in Innsbruck und die Dichter gehen dort ein und aus, konsumieren „einen wiener suppentopf und ein himbeer-soda“ (S. 1) und reden über Frauen und Literatur.
Das sind auch die zwei flatterhaften Themen, um die das Buch kreist. Der Erzähler erhält zwei Kisten aus dem Nachlass des Central Dichters Skizzen, Gedanken, Verweise und Elias Schneitter montiert diese Skizzen, streut Erzählersentenzen darunter, aufgeschnappte Dialoge und sonst noch Erstaunliches und Bemerkenswertes, ein fließendes Gewässer rund um Literatur und Zitate und Hinweise. Dazu passend auch der Flattersatz, in dem der Text gesetzt ist, Kleinschreibung, wahllose Absätze, die ein lyrisches Moment einbringen, aufgelockert und ergänzt durch zeichnerische Einsprengsel, Zeichenblasen, Girlanden und Vignetten von Hans Pfefferle. Das alles ist ein literarischer Kosmos, der immer auch über die Literatur selbst hinausweist. Etwa durch den permanenten Hinweis auf literarische Vorbilder wie Raymond Queneau oder immer wieder Giorgio Voghera. Eine literarische Schnitzeljagd auch, denn Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters ist nach Notizen zu einer Biografie aus dem Umfeld des Centraldichters und Augenblicke einer Biographie, in der Giorgio Voghera schon seine Finger im Spiel hat (beide im Verlag Skarabaeus) quasi das letzte Stück eines literarischen Triptychons, denn im aktuellen Buch wird der Central Dichter am Ende gar zu Grabe getragen.
Aber Achtung, nichts scheint hier so, wie es tatsächlich ist, und umgekehrt. Das Begräbnis des Central Dichters taucht nur im „traum eines mannes auf“ und gar so rätselhaft ist das Verschwinden des Central Dichters dann doch nicht, denn er hinterlässt zwar dem Erzähler seine zwei Kisten Nachlass, lässt aber gleichzeitig seinen Anwalt einen eingeschriebenen Brief schicken, „in dem mich [den Erzähler] die figur des central dichters wissen lässt, dass ich hinkünftig auf ihn zu verzichten hätte, weil er ansonsten auf den nächsten seiten meines buches unter anwendung von gewalt (sogar mit waffengewalt) auf mich loszugehen beabsichtige“ (S. 25). Ein Vexierspiel. Seine eigene Figur lässt den Erzähler etwas wissen, das ist genau der Humor und Kniff, der das Buch von Elias Schneitter so unterhaltend macht. Und kurz darauf: „das ist also der dank einer romanfigur dafür, dass man es immer nur gut mit ihr gemeint hat, denke ich“ (S. 26).
Dabei ist vollkommen klar, dass Literatur meistens im Kaffeehaus passiert: „im prückel erzählt mir erich hackl vom superbarrio aus südamerika, der mit maske in den armenvierteln auftrat und die gesetzeshüter in rage brachte“ (S. 111). Oder: „dein drehbuch mit dem unterschiedlich geklonten personal ist keine schlechte idee, sagte der orf-mann zum drehbuchautor im café central in innsbruck, nur zu wenig intellektuell, andererseits aber auch zu wenig unterhaltsam“ (S. 110). Und immer wieder die Frauen: „sexuelle handlungen betrieb er ausschließlich an fremden frauen. was ich liebe, will ich nicht durch nähe zerstören, hat giorgio voghera eines tages zu linuccia im café giulia gesagt.“ (S. 124). Manchmal treffen sich die zwei Themen aber auch: „frauen muss man laufend wechseln, denn ich esse auch nicht jeden tag ein wiener schnitzel. das sagte josef vor vielen jahren im sportcafé in der kirchstraße zu mir, ehe er nach portugal auswanderte“ (S. 63).
Dabei geht es nicht nur amüsant zu, Literatur hat schließlich auch ihre ernsten Seiten, sagt der Central Dichter, sagt der Erzähler, sagt Elias Schneitter: „er mag ausschließlich bücher, die ihn aus den angeln heben“ (S. 109).
Dazu passt auch die Geschichte eines Dichters, der so „große dichtkunst schaffen“ (S. 115) wollte, der seine Ansprüche so hochschraubte, dass er nie eine einzige Zeile schrieb. In seinem Testament verfügte er aber, dass „nichts von seinem werk publiziert oder für forschungszwecke verwendet werden darf“ (S. 116), was den Nachlassverwalter stutzig macht, da es gar keinen Nachlass gab. „ein seltsamer mensch, dachte sich der nachlassverwalter, und versah den akt mit stempel und unterschrift“ (S. 116). Der Erzähler selbst begibt sich gegen Ende des Buches mit den Skizzen des Central Dichters selbst auf die Spuren von Jack Kerouac, indem er die Zettel des Dichters auf eine Rolle klebt („auf diese siebenunddreißig meter lange scroll“ (S. 150) und am nächsten Kirschbaum aufhängt. Kerouac hat ja laut Legende innerhalb dreier Wochen seinen Roman On the road auf eine aus zurechtgeschnittenen Bögen Zeichenpapiers zusammengeklebte Rolle geschrieben, um sich während des Schreibflusses nicht um den Blattwechsel bemühen zu müssen.
Auch das ist Literatur, die von der Dichterexistenz ja gar nicht zu trennen ist. Skurril und ein wenig seltsam. Elias Schneitter ist mit Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters ein wunderbares Buch über die Vielfalt der Literatur und deren Dichter geschrieben; so unterhaltsam kann das sein, aber „verkühlen sie sich nicht im zug, raten die eisenbahner“ (S. 38). Genau.
Bernd Schuchter (für das Online-Magazin des Literaturhaus Wien)
Was für ein schöner Start! Jemand kriegt zwei Holzkisten wie zwei Särge, darin sind aufgebahrt die schönsten Schriften des Central-Dichters!
Elias Schneitter hat vor knapp zehn Jahren „Notizen aus dem Umfeld des Central Dichters“ (2001) veröffentlicht, später die „Augenblicke einer Biographie, in der Giorgio Voghera schon seine Finger im Spiel hat“ (2007), jetzt dürfte der Central-Dichter wirklich gestorben sein und damit eines der schönsten Kapitel der Literaturgeschichte, wie man über sich selbst als Autor und die Literatur generell schreiben kann.
Der Erzählstil ist verrückt einfach: In einem hinten aufgebrochenen Satzspiegel laufen ununterbrochen Mini-Erzählungen ab, bei denen nie klar ist, wer sie erzählt. So ist natürlich der Central-Dichter die Hauptfigur, aber auch der Kistenempfänger entwickelt sich zusehends zu einer zentralen Figur.
Die „Notiziate“ (Notizen + Zitate) laufen durchaus in die fünfziger Jahre zurück und berichten von wilden amerikanischen Dichtern, sitzen in Zirl mitten unter eingerauchten Außenseitern, in der Literaturszene in der Innsbrucker Provinz oder gar im Headquarter in Wien.
Alles, was so im Laufe eines Tages an Lebensweisheiten herumgeistert, wird aufgeschnappt und in den Sarg des Erzählens gelegt. Daneben gibt es die wichtigsten Sätze zur Literaturgeschichte, etwa wenn Otto Grünmandl ein paar Tage vor seinem Tod zu Gerhard Polt sagt: „Jetzt werde ich einmal sterben und dann schauen wir weiter.“ (62)
Immer wieder bricht die Literatur in puren Liebes-Verdruss aus und umgekehrt versuchen vor allem die Männer, mit schönen literarischen Erkenntnissen den Frauen zu gefallen.
„Als Liebhaber tauge ich nicht, als Partner bin ich überflüssig, als Freund habe ich kein Interesse.“ (126)
Es sind gerade diese zu Lebensweisheiten zusammengestutzten Marginalien, die einen als Leser ununterbrochen vom Hocker des eigenen Empfindens reißen, denn alles ist wahr und findet hundertmal am Tag in jedem beliebigen Ort der Welt statt.
Ähnlich wahr und aufgelöst zeichnet auch Hans Pfefferle seine Ansichten dazu, einmal entschwindet das Weltall in Gestalt eines Embryos, dann wiederum gibt es eine größere sexuelle Ansammlung, bei der alle Figuren im gleichen Strich miteinander verschmolzen sind. Und zwischendurch laufen wie in einer alten Bibel die Girlanden der Erlösung als Seitenstreifen den Text entlang.
Am Schluss wird der Central-Dichter zu Grabe getragen, der Priester schaut kurz in den Sarg hinein, aber dieser ist leer. Trotzdem wird im Sinne der kompletten Erlösung vom Wahnsinn die Begräbniszeremonie fortgesetzt. (147)
Elias Schneitter erzählt skurril, wahr, aufmerksam und klar von unserer Welt, worin wir oft weder mit uns, noch unserer Liebe zu irgendjemanden zurechtkommen.
Elias Schneitter: Österreich. Karl. Erzählungen
Innsbruck: Skarabäus 2008. 92 Seiten. EUR 14,90.
ISBN 978-3-7082-3251-5
Der Herr Karl lebt. Elias Schneitter hat ihn in seinem neuen Erzählband auferstehen lassen. Da heißt er zwar nicht Karl (nur der Freund des Protagonisten der ersten Erzählung „Tausend Jahre Österreich“ heißt so), sondern Richter Schorschi, aber sonst hat er eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Qualtinger Vorbild. Auf gut Wienerisch ein Raunzer sondergleichen, ein notorischer Nörgler, einer, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und sagt, was Sache ist. Einer, der als erstes bei anderen die Schuld sucht, und dann vielleicht erst bei sich selber, wenn überhaupt, einer, der sich als Entwicklungshelfer tituliert, wenn er für ein schnelles Sexabenteuer nach Thailand fliegt, sich als Sparefroh sieht, wenn er Übernachtungsgelder durch diverse Affairen gespart hat, und der mit seinen Vorurteilen nicht lange hinter dem Berg hält, sei es über die „Neger“ oder die „Bloßfüßigen vom Balkan“ . Einer, der schnell den „Adi“, also Adolf Hitler, mit Bruno Kreisky vergleicht, der meint, dass die Wiener zwar drei Türkenbelagerungen abwehren konnten, aber leider von der vierten überrollt wurden, und der gegen die Sozialschmarotzer wettert.
In der zweiten Erzählung „Ruhe sanft im Trommelfeuer“ geht es um Walter, der sich gesellschaftlich nicht wirklich anpassen kann, der gerne mit Waffen spielt und Gewaltphantasien hegt, einer, der mit Hitlerfahne, Stahlhelm, Kriegsabzeichen und Kriegsbüchern ausgerüstet jeden Moment zu explodieren droht. Sein Stolz: eine 100-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Während des Lesens wartet man nur darauf, dass er Amok läuft. Einer, dem wirklich nichts in die Wiege gelegt wurde, der sich so durch das Leben, den Alltag laviert und die Tage hinüber zu bringen versucht - ein tristes Leben zwischen Suff, Gewalt und Frauen.
Die dritte Erzählung „Hoher Wellengang“ handelt von einem Bediensteten auf einem Kreuzfahrtschiff und erzählt dessen Erlebnisse. Wie sie zu den beiden vorherigen Erzählungen passt, bleibt offen. Eines ist jedenfalls sicher, tauschen möchte man mit keiner der Figuren.
Das Buch hält, was es am Cover vorwitzig verspricht. „Geschichten vom kleinen Mann, dessen Lebenswidersprüche Schneitter in seinem typischen lakonischen Humor, dabei aber stets einfühlsam und respektvoll beschreibt.“ Elias Schneitter bedient im Galopp alle Klischees, überzeichnet in der Kürze die Figuren, vor allem die des Richters Schorschi, wobei während des Lesens das Schmunzeln im Gesicht des Lesers immer größer wird und man aus dem Staunen über die angeführten Episoden nicht herauskommt. Ein bisschen weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Aber seien wir ehrlich, haben wir uns in der U-Bahn nicht schon oft umgedreht, weil wir, ein Gespräch zwischen zwei Fahrgästen belauschend, gedacht haben, den Herrn Karl gibt es wirklich?
Petra Paumkirchner (2009)
Österreich. Karl
Was der Herr Karl sagt, ist Österreich, und Österreich ist folglich Karl. Spätestens seit Helmut Qualtingers grandiosem Monolog „Der Herr Karl“ aus dem Jahre 1961 läßt sich Österreich auf die Kurzformel Karl bringen.
Elias Schneitter nennt seine drei Erzählungen über wahnsinnige Österreicher schlicht Karl, denn obwohl die großen Adeligen oft Karl geheißen haben, ist dies der Name des kleinen Mannes, der durchaus zwischendurch etwas trinkt und dadurch allerhand von der Welt mitbekommt nach dem Motto: „Mir macht keiner mehr was vor.“
In der Erzählung „Tausend Jahre Österreich“ räsoniert ein vom Alltag abgestrampelter Erzähler über die Zustände in Österreich. Letztlich ist alles ziemlich ungerecht, beschissen und daneben, dabei gäbe es für den Staat allerhand zu tun. Zum Beispiel könnte er bei der Natur eingreifen, dann müssten die Menschen nicht mehr so unnatürlich leben. Eine wichtige Plattform stellt neben den Getränkestuben der Fußballplatz dar, wo ein gewisser Karl mit seinem Kommentaren zum Spiel gleich das ganze Land mit kommentiert. Zwischen dem Ich-Erzähler und dem Karl entwickeln sich lebensphilosophische Dialoge, obwohl eigentlich nur der Erzähler erzählt, während Karl meist den süffisanten Abnicker zu den Wortmeldungen gibt. Scheidung, Ehe, das Elend mit den Frauen, wenn man es schon im Kleinen nicht richtig hinkriegt, dann könnte wenigstens der Staat es hinkriegen, aber der halst sich ja auch immer die falschen Probleme auf!
„Ruhe sanft im Trommelfeuer“ pflegt in der zweiten Geschichte der Dorfheld Walter zu sagen, wenn jemand vorzeitig das Trinkgelage verlässt. Äußerlich liefert die Geschichte eine perfekte Alltagsbeschreibung einer durch-trinkenden Dorfgesellschaft. Es gibt kaum einen Anlass, bei dem nicht gedudelt wird und kaum eine Szene, die nicht mit einem elegant markigen Spruch angeschlossen wird. In der Tiefenstruktur freilich geht der Text der Frage nach, wie man das Leben aushalten kann, wenn es nichts zum Aushalten gibt. Walter hat diverse Affären, eine katastrophale Ehe, einen Beruf, den er mit Hingabe ausübt. Seine Lieblingsgeräte sind Waffen, mit denen er aber nur verbal schießt und droht. Auf so eine Drohung hin wird er gekündigt und muss die Pump-Gun bei der Behörde abliefern. Zu diesem Zweck zersägt er diese in kleine unbrauchbare Stücke. Der Rest ist Untergang.
„Hoher Wellengang“ erzählt von zwei skurrilen Stewarts, die ein Leben lang auf Traumschiffen zur See gefahren sind. Der eine hat sich schon umgebracht, der andere könnte noch folgen, denn er hat auf diesem Traumschiff nur alte Herrschaften, verblödetes Geldgesindel und abgefackte Biographien erlebt.
Elias Schneitter erzählt trocken mit vollem Biss, nichts wird beschönigt, nichts verunglimpft. Aber seine Zuwendung gehört voll diesen Figuren, die es vielleicht im Leben nicht ganz geschafft haben, dafür aber einen dauernden Nistplatz in unseren Leseherzen bekommen.
Hör mal wer da spricht!
Das neue Buch von Elias Schneitter enthält drei Erzählungen gänzlich unterschiedlicher Machart. Der Titel „Österreich. Karl“ erweckt natürliche eine Erwartungshaltung. Der Erfinder des Herrn Karl, Herr Qualtinger, wäre dieser Tage 80 Jahre alt geworden. Der Herr Travnicek war eine Vorstufe des Herrn Karl und die Inkarnation des „ang'fressenen“ Österreichers. Der Herr Karl ist nicht nur „ang'fressen“, der Herr Karl wirbt um Verständnis für seine Ressentiments. Genau das u. a. machen Rechtspopulisten. Genau das macht auch die Figur in „Tausend Jahre Österreich“, der ersten Geschichte in „Österreich. Karl“.
1
Nicht der kleine Mann, sondern der Kronenzeitungsleser, der Kleinbürger, der Lesebriefeschreiber, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt aber täglich das Kronenzeitungsblatt in die Hand nimmt, spricht hier, ja sprudelt förmlich und teilt sich breit mit. Das ist einer, der nichts geschenkt will. „Aber was er will, das steht ihm zu.“ (S. 11) Das ist einer, der sich fragt: „Ja, wo käme man da hin?“ Das ist ein Handelsreisender a. D. der Held. Es ist der Schorschi, der da spricht.
Des Schorschis Freund wiederum ist der Karl, ein Beamter, der mit 54 in Pension geht. Und recht hat er. Der Schorschi hat übrigens das Recht gepachtet. Der Schorschi weiß sich zu wehren. Und schlägt natürlich zu, wenn zugeschlagen werden muss. „Zum Glück bin ich ein Mensch, der sich zu helfen weiß.“ (S. 12) Fast immer. Nur gegen die „Schneckeninvasion der Russenmafia“ müsste man was machen. Die russischen Mafiaschnecken fallen nämlich über Schorschis gehegten Garten her, wie die „Cevapcicis über das Land“. Und freilich gehörte auch dagegen was gemacht. Nein, der Schorschi verteufelt den Adi nicht, sehr wohl aber die „Buschneger“ am Fußballplatz, wenn sie nicht spuren und die hiesigen Frauen, wenn sie nicht spuren.
Aber der Schorschi schimpft nicht nur. Er hat auch Gutes zu berichten. Beispielsweise über die Qualitäten von Thailänderinnen oder die Vorzüge von Kurschatten. Des Schorschis Mantra ist: „Mir macht keiner mehr was vor.“ Hirn aus, Klappe auf. Ein stets auf eigene Vorteile bedachter, polternder Österreicher wie er nun im Buche steht. Sprachlich überzeugend, konsequent umgesetzt. Form meets Inhalt. Unsympathisch aber gut.
2
Walter der Waffennarr mit Arbeitsunfall, der herummausende Weltkriegsfan, der transzendentale Meditation betreibende, der heiratende und sich scheiden lassende, lustige aber verrückte Bursche. „Ruhe sanft im Trommelfeuer“ ist eine ungestüm drauflos erzählte Geschichte, eine Lebenserzählung im Schnellverfahren. Nicht on the road durch die Staaten, sondern unterwegs von Tirol nach Zürich sind da die kleinen Helden Walter und Manfred. Das ist überzeugend auf regionale Verhältnisse heruntergebrochene Beat-Literatur.
3
Herr Ernst schließlich ist Animator auf der Astor. Sein Reiseleiterfreund hat sich vor die U-Bahn geworfen. Ernst reist um die Welt mit alten Schachteln und intoleranten Deppen. Aber Ernst hat stets freundlich zu sein. Es bleibt ihm nichts anders über, als vermeintlich zuzuhören sich aber eigentlich weg zu denken. Ernst räsoniert, erzählt und dazwischen macht sich eine Frau Ingrid, die im gleichen Haus wie Ernst wohnt, um ihn Gedanken. Aber ein Aussteigen, anderes Leben beginnen oder in Pension gehen, gibt es in Ernsts freiem Berufen nicht. Das nervt nicht nur, sondern ist ernster. Es geht um Existenzielles, im gewissen Sinne ums Prekariat. Ein anderes als das momentan viel thematisierte der 30jährigen. Es geht um die 50+jährigen und deren Ängste, Sorgen, Nöte, Vorurteile, Erfahrungen etc. Das und wie das sprachlich authentisch umgesetzt wurde, ist die Stärke dieses Buches.
Ja und wenn der Schorschi nicht so ausgesackelt worden wäre von seiner Ex, dann hätte er sich vielleicht auch einen Kreuzfahrtstrip auf der Astor geleistet und geschimpft über den Dreck und die Zustände in den bereisten Ländern. Und der Ernst hätte zuhören müssen. Kein Spaß für Ernst.
Wer von kompetenter Seite schon als John Steinbeck der Tiroler Literatur bezeichnet wurde, kann getrost seinem Talent vertrauen, einer der besten Repräsentanten heimischer Erzählkultur zu sein. Mit den drei Geschichten aus dem vorliegenden Band (Tausend Jahre Österreich, Ruhe sanft im Trommelfeuer, Hoher Wellengang) hat der Zirler Autor und Mitorganisator des „Sprachsalz“-Festivals eine weitere eindrucksvolle Kostprobe seines lebensnahen Schaffens gegeben. Unter dem Motto „Mir macht keiner mehr was vor“ lesen sich die kurzen Texte wie ganze Romane voller Weisheit und ohne je langweilig zu werden. Ein Buch, das mehr hält als sein schlichtes Äußeres und die Verlagsempfehlung verspricht. Grandios! (koma)
Elias Schneitter: Augenblicke einer Biographie, in der Giorgio Voghera schon seine Finger im Spiel hat
Mit Zeichnungen von Hans Pfefferle.
Innsbruck: Skarabaeus 2007. 149 Seiten.
EUR 15,90. ISBN 978-3-7082-3221-8
Nicht umsonst hat diese wundersame Biographie einer literarischen Nichterscheinung der Mosaikkünstler Hans Pfefferle illustriert. Das einzelne Mosaiksteinchen nämlich ist ein Augenblick aus Stein, völlig unscheinbar und alltäglich.
Gewöhnliche Alltagskörner sammelt auch Elias Schneitter für seine Augenblicke zusammen, die dann insgesamt so etwas wie eine Biographie ergeben. Der im Titel zitierte Schriftsteller Giorgio Voghera gilt als der große verschollene Schriftsteller Triests, der so gut wie seine ganze Lebensenergie damit zugebracht hat, seine eigene Biographie hinter seinem großen Roman „Das Geheimnis“ zu verstecken.
Diese verschleierte Biographie ergibt naturgemäß keine geradlinige Geschichte, denn etwas geradlinig zu erzählen ist genau so verrückt wie ein rechter Winkel, den es in Wirklichkeit ja auch nur als Hypothese gibt.
Der Text ist als Bruch-Prosa angelegt, kleine Sequenzen beziehen sich auf literarische Gespräche von Trinkenden, Wehmütigen oder Gescheiterten, wobei selbst die kleinsten Szenen noch einen gewissen Speed in Richtung Trunkenheit und Aufklärung erfahren. Ein in den Wäldern von Mötz aufgewachsener Spontandichter erzählt so lange von Gedichten, die man annehmen statt aufschreiben muss, bis er tatsächlich noch ein Bier kriegt.
Der melancholische Icherzähler versucht seinem Sohn zu erklären, wie das mit den Buchstaben ist, die zwar locker in den Kopf hinein gehen, dort aber nichts ausrichten. Alles lässt sich doppelt sehen, wenn man nur genau hinschaut. Dem Erzähler wurde einst als Kind die Sehschärfe operativ verhunzt, seither sieht er die Welt wirklich, plastisch und verschwommen.
Mittendrin kommen die amerikanischen Beatniks mit legendären Sagern zu Wort, als Kontrapunkt zur kleinen Welt von Zirl oder Pradl.
Phon und Graph treten als die zwei Gehülfen der Literatur auf, sie beweisen einander ständig die Unmöglichkeit, zwischen Realität und Aufzeichnung zu unterscheiden. Du sagst etwas und es gilt nicht, du schreibst etwas, und es wird für vollkommen genommen, und noch dazu ist beides sinnlos.
In die der zerfransten Sätze, die im Flattersatz gegen den jegliche literarische Strömung segeln, sind die Zeichnungen Hans Pfefferles im Prager Grotesk-Stil eingewoben. Da liegt beispielsweise das Dorf in einer Miniatur flach, der Kopf ist zur Hälfte leer, das Auge blinkt wie bei einem Blaulichteinsatz.
Elias Schneitters unmögliche Augenblicke aus der Welt der Literatur, der Lektüre und des Leckmich ergeben letztlich ein scharfes Bild voller Doppeldeutigkeit und schrägem Blick.
Elias Schneitter, geb. 1953, lebt in Zirl.
Hans Pfefferle, geb. 1950 in Zirl, lebt als befreiter Künstler in Wien.
Lasset uns drauflosschreiben!
Der neue Schneitter ist da, diesmal wieder broschiert und ohne Sonnenbrille und Kopfschmerzen zu lesen, obwohl er wenig „augenfreundlich“ schreibt. Der Titel ist fast titelseitenfüllend, der Text, wie bei allen Skarabaeus-Büchern gewohnt schön gesetzt, die Farbe des Bandes tiefblau, die Prosa flattersatzflott und die Zeichnungen von Hans Pfefferle herzlich willkommene optische Zugabe. Apropos Optik: Das Ich in Schneitters Prosaband leidet unter Diplopie, sieht alles doppelt, doppelte Augenblicke einer Biografie also, außerdem verdrehen im Sinne Oskar Pastiors selig Phonem und Graphem dem Ich den Kopf.
„und haben sätze ein geschlecht / oder brüste oder einen arsch? / ist der satzbau eine genetische abhandlung? kann man sätze gegeneinander aufrechnen / oder soll man sie einfach schlucken?“ (S. 10) will das Ich wissen und versucht sich so von wirklichen Problemen abzulenken. Denn da schwingt eine Trennung mit, irgendwo im Hintergrund, irgendwo zwischen dem freimütigen Geplauder, das erfrischend anders in Form gebracht wurde. Denn: „wird der satzbau weiterhin verwendet,
kann sich nicht viel ändern.“ (S. 117)
Vordergründig wird freilich laufend der Ort (Triest, Rom, Wien, Zirl, Lowell Massachusetts) gewechselt auch das nur eine Möglichkeit der sich zu stellenden Realität vorübergehend zu entkommen: „aber man reist ja nie allein, / zumindest irgendein alter ego ist immer dabei“ (S. 12) Und überdies wird laufend der Erzählstrang unterbrochen.
„aber zum thema:
wie steht es mit der erzählhaltung:
über den dingen stehend.
die handlung: frei erfunden.
die figuren: sehr komplex, nicht immer authentisch.
die thematik, die motive, die orte der handlung.
alles fein gewoben, wohldurchdacht,
kein buchstabe zuviel,
kein satz zu wenig,
mit einem wort: bezaubernd
alles in allem.
womöglich ein wenig zu sehr über den dingen stehend.
ansonsten ein werk,
das sich nicht zu verstecken braucht.“ (S. 15)
So viel zu Selbsteinschätzung.
Das Ich versucht seinen persönlichen Trennungsschmerz zu überwinden und weiter zu leben und zwar ganz und gar nicht linear, denn das Leben ist viel eher ein Drunter und Drüber, als reibungslos und durchorganisiert. Warum also nicht einen literarischen Weg einschlagen und versuchen, dieses Auf-ab-kreuz-und-quer-und-alles-immer-gleichzeitig formal umzusetzen? Ja, warum nicht. Der Ich-Erzähler hat eine Möglichkeit gefunden und sagt sich los vom Konventionellen.
„jetzt ist es amtlich,
verkünde ich
auf einer roten parkbank:
ich möchte keine sätze mehr treffen,
schon gar nicht jene,
die lauthals aufmarschieren.
ich benötige kein bauhaus mehr,
kann auf bücherregale verzichten.“ (S. 69)
Nicht die Geschichte, sondern das Erzählen ist Ziel, wird auf dem Cover postuliert. Der Erzähler hält fest: “ich will keine geschichte erzählen / und weshalb das so ist, / das ist eine eigene geschichte.“ (S. 37) Aber keine Angst, dieser Text ist weder hermetisch, noch fühlt er sich ausschließlich der Form verpflichtet und nein, man muss nicht notwendigerweise wissen, wer Giorgio Voghera ist. Auch nicht wer Jack Micheline, Kathy Acker, Jan Kerouac, Ray Bremser, Richard Brautigan, John Wieners, Gregory Corso, Buk oder Philip Whalen sind. Der Ich-Erzähler hat schlicht eine Schwäche für BeatautorInnen, gibt gerne Unmengen für Bücher dieser Heroinen und Heroen aus, schwatzt aber ebenso gerne mit schreibenden KollegInnen aus der näheren Umgebung (Gert Jonke, Peter Vonstadl, Urs Mannhart, Christoph Simon, Helmuth Schönauer, R. P. Gruber, etc. zumindest diese AutorInnen sollten einem doch schon untergekommen sein. Vortrefflich die Vonstadl-Episode, in der er in einer Spelunke u. a. die Einsicht „Gedichte kann man nur zulassen“ vom Stapel lässt und damit auf ein neues Bier spekuliert.). Darüber hinaus erlebt der Erzähler beispielsweise unvergessliche Straubengenüsse im Schilcherland, trinkt drittklassigen Schnaps kombiniert mit erstklassiger Unterhaltung auf seiner Terrasse in Zirl. Denn die Gesprächspartner entpuppen sich stets als weise Bemerkungen absondernde, gut trinkende oder an der Erfindung eines Schreibcomputers herum tüftelnde, also interessante ZeitgenossInnen.
„gefüllte worttöpfe
programmierte satzbaupläne
generiert mit random“ (S. 4)
Ob das Leben wie eine Geschichte ablaufe oder ob das nur eine Schreibtischfiktion sei, will der alte Freund der Centraldichter, dem es nicht besonders gut geht, wissen, bevor er in die Klapsmühle zu Hall eingeliefert wird. Halten wir dem Wissen aus erster Hand entgegen.
„wenn du gut schreiben willst,
dann musst du mit deinem leben hausieren gehen
und es dafür einsetzen,
sagte bob kaufmann
in der jack-kerouac-school
in boulder colorado.
das hatte zumindest ann waldman
christian ide hintze und christian loidl
am schwechater flughafen erzählt.“ (S. 126)
Diesem Zitat muss erklärend ein weiteres folgen: „alles, was ich weiß, / weiß ich von anderen. / das steht in einer triestiner familiengeschichte, / aus der claudio magris in gedenken an giorgio voghera vorliest.“ In Schneitters Buch steht das auf Seite 147, also am Schluss und thematisiert nochmals eine Frage, die sich durchs ganze Buch zieht, nämlich: „wenn sich ein satz in einem buch befindet: / wem gehört er dann?“ (S. 7)
Ja, gute Sätze sind wertvolle Funde, auch fremde Sätze, weil um’s „Gehört“, respektive ums „Haben“ geht es dabei ja nicht. Gute Sätze gehören gehört, ist man versucht zu schreiben. Schneitter hat ein sensibles Satzaufspürsensorium und gibt in seinem neuesten Buch großzügig Einblick in seine Funde und von ihm Erfundenes. Ein Buch, das man auch aufgrund der immer wieder Neues eröffnenden Zeichnungen immer wieder zur Hand nehmen kann und soll.
Elias Schneitter: Zu guter Letzt. Erzählungen.
Innsbruck: Kyrene 2006. 75 Seiten. EUR 8,20. ISBN 3-900009-30-9.
Die wahren Geschichten krabbeln heimlich und geduckt durch die glatt polierte Gesellschaft wie die sprichwörtlichen Kakerlaken durch die Küche.
Wer am Rande der Gesellschaft steht, muss deshalb nicht gescheitert sein, lautet so eine Erkenntnis des literarischen ?Arme-Leute-Anwaltes? Elias Schneitter. In seinen jüngsten Erzählungen geht es folglich um Helden, die sich verrückt geduldig mit den Ungereimtheiten des Lebensstroms auseinandersetzen müssen.
Nichts ist wahrscheinlich so subjektiv wie Lärm, den jeder Mensch individuell aufregend und aufreizend empfindet. In der ?Lärm?-Erzählung wird einmal die Geschichte einer Frau erzählt, die in einer Wohnanlage verrückt geworden ist und sich schließlich umbringt. Die Verstörung wird dabei zum inneren Lärm, Kinder pumpern an die Tür, das Getratsche wird unerträglich lärmig, und selbst aus dem Keller gestohlene Kartoffeln entwickeln durch ihre Leere einen gewissen Psycho-Lärm. Dabei hat die Frau ein Leben lang nur geputzt, was in der Arbeitswelt für Frauen durchaus bedeuten kann, dass man sich zwischen den Beinen der Arbeitgeber aufhalten muss. (22) Eingekesselt ist diese Geschichte von der Gegendarstellung einer Hausbewohnerin, die letztlich bedauert, dass die tragische Heldin das Leben nicht auf die Reihe bekommen hat, aber so ist das eben, die eine kriegt das mit dem Lärm hin, eine andere nicht.
Putzfrauen heißt die Erzählung, in der ein wenig vom auslagern und ausputzen der Belegschaft die Rede ist. Die Putzfrauen im alten Sinn gibt es nicht mehr, heutzutage wird die Reinigung zugekauft. Und von einer guten Vorstandssitzung spricht man dann, wenn der Reinigungspunkt clean von der Tagesordnung gefallen ist.
Der tragikomische Held der ?Doppelbilder? ist sich ein Leben lang nicht sicher, ob er sich nicht doch besser schon vor Jahrzehnten hätte operieren lassen sollen. Das heißt, er ist ja als Kind an den Augen operiert und verhunzt worden, seither sieht er alles doppelt, was auch gewisse Vorteile hat. Als Fußballer etwa ist der Doppelsichtige unübertrefflich, was die Beobachtung der Gegenspieler betrifft, er sieht einfach alles und kann daher jedem geheimen Faul von hinten entgehen und dafür geniale Pässe in die Seite treten. Freilich ist der Held als Schriftsteller etwas im Nachteil, weil er beim Lesen und Schreiben naturgemäß alles doppelt sieht, andererseits erspart er sich dadurch wieder jede Menge Alkohol und hält sich an kurze Geschichten, die ja ohnehin heutzutage im Trend liegen.
Viele Jahre später ist eine positive Abrechnung mit der verhängnisvollen Geschichte. Nachfahren jener Familie, die in den Hungerjahren vor, mitten und nach dem Krieg gerettet worden sind, bedanken sich nach Jahrzehnten bei den ehemaligen Lebensrettern.
?Zu guter Letzt? ist eine berüchtigte Formel in der Literatur. Wenn etwas schon ausweglos daneben ist, kommt noch ein kleines Ungemach drauf, eben zu guter Letzt. Aus heiterem Himmel verliebt sich eine Frau in einen Arzt, der seinerseits diese Liebe vor dessen Frau klein halten muss. Die Liebe fährt heftig in die Beine und macht diese dünn, stark und sportlich, so steht die Erotik auf soliden Beinen. Aber im Alltag helfen diese schönen Beine nur, dass die Frau in die Küche kommt und dem Mann etwas kocht.
Wie so oft bei Elias Schneitter gehen diese Geschichten zuerst ganz flutschig in die Leseseele ein, entfalten aber nach der Lektüre riesige Widerhaken und nisten sich dadurch heftigst in den Schleimhäuten des Lesemagens ein. Gerade diese leichte Kost fordert
Elias Schneitter, Frühstück mit Sonnenbrille. Roby und seine Freunde.
Roman. Innsbruck: Skarabäus 2005.
Elias Schneitter, Zirler Autor kabarettistischer, jedenfalls humorvoll-satirischer Texte, hat jüngst einen kleinen Schelmenroman vorgelegt, der an einem langen und gemütlichen Abend ausgelesen werden kann und der ein inneres Nicken oder Schmunzeln zurücklässt. Jaja, so ist es: Wenn man sich mit Sonnenbrille zum Frühstückstisch setzt, zumal in einem geschlossenen Raum, so hat das gewiss mit einem ‚Kater’ zu tun. Entweder hat das Baby wieder durch geschrieen oder man hat die Nacht durch gezecht. Auch ein blaues Auge könnte der Grund für die Tarnung sein. Oder was sonst? Ausgestattet mit einer gewissen Neugierde macht sich die durch den Titel angezogene Leserin an die Geschichte von „Roby und seinen Freunden“ (man beachte das Augenzwinkern, nämlich die Anspielung ans Kinderbuch) und wird nicht enttäuscht. Tatsächlich gibt es in dem Roman nicht nur eine durchzechte Nacht und auch nicht nur ein blaues Auge. Tatsächlich wird in dem Text geschluchzt, wenngleich bloß wegen des Films „Doktor Schiwago“. Und auch an anderen Katastrophen fehlt es durchaus nicht, es sind die typischen Katastrophen des ‚kleinen Mannes’. Nur, sie kommen bei Schneitter so unernst, häufig auch torkelnd daher, dass einem gar nicht bang wird dabei.
Roby, die Hauptfigur, lebt - aus bürgerlichem bzw. kleinbürgerlichem Blickwinkel betrachtet - eine randständige Existenz auf dem Dorf: Er geht kaum einer Arbeit nach, wohnt in einer Garage, repariert dann und wann Autos oder Motorräder und widmet sich hauptsächlich den täglichen Trinkgelagen mit seinen Kollegen aus der „Kugellagerbar“ oder mit seiner Freundin Rosy, einer ehemaligen Fernfahrerin. Aus der Sicht des Protagonisten selbst aber stellt sich die Sache etwas anders dar: Er sieht sich auf sympathische Weise als Nabel der Welt, er erfreut sich seines Lebens von der Hand in den Mund, gibt sich unbekümmert und widersteht jeder Reglementierung von außen. Sein einziges Problem ist seine ledige Tochter, für die er nicht Alimente zahlen konnte und kann, da er sonst seinen Lebensstil ändern müsste. Diese Tatsache, anzusiedeln zwischen Unfähigkeit und Unwillen, bringt ihn immer wieder für einige Monate in die „Völserstraße“ (= Adresse des Innsbrucker Gefängnisses). Die Geschichte beginnt damit, dass Roby wieder für ein halbes Jahr einsitzen soll, durch die Intervention eines Freundes aber einen Sommer lang Haftaufschub bekommt. Roby will sich in dieser Zeit aus dem Staub machen, was ihm nicht gelingt, weil er an Geldmangel und Alkohol scheitert. Am Ende bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich vor dem Staat zu beugen. Der Taxilenker aber, ein Student, der ihn in der Völserstraße abliefert, geht noch in derselben Nacht mit Rosy auf Zechtour, was eine Parallelhandlung ergibt.
Das Buch erhebt, so versteht man bald, nicht den Anspruch, ein Werk von ausgeprägter literarischer Qualität abzugeben. Vielmehr entzieht es sich geradezu dem Etikett ‚Werk’, veräppelt derartige Kategorien sogar ganz gehörig. Denn obwohl der Roman hauptsächlich von Säufern, Häfnbrüdern und quasi jenseits der dörflichen Idylle lebenden Individuen bevölkert wird, kommt unversehens doch auch ein Schriftsteller ins Spiel, zumindest ein Möchte-gern-Schriftsteller. Der Mann ist ein zunächst etwas kummervoller und zum Alkohol neigender Schulprofessor, der sich vornimmt, das Leben des von ihm bewunderten Lebenskünstlers Roby aufzuzeichnen, nicht zuletzt um dessen (von Roby tunlichst nie gezeigte) verletzliche Seite literarisch herauszuarbeiten. Man ahnt, dass das Vorhaben unerfüllt bleiben, dass der Professor, der sich in erster Linie nur von seiner gescheiterten Ehe ablenken will, die Geschichte nimmer beenden wird. Tatsächlich gibt es am Ende kein Buch im Buch, Robys Geschichte kann dennoch gelesen werden. Ein reizvoller Kunstgriff des Autors, der den Drang nach literarischer Verarbeitung auf die Schippe nimmt? Ein Kunstgriff, der den Protagonisten vor der beabsichtigten ‚Seelenenthüllung’ des Professors in Schutz nimmt? Oder einfach nur das Spiel mit der Möglichkeit / Unmöglichkeit, eine fremde Wirklichkeit nachzuzeichnen? Letzteres ist wahrscheinlich, denn das Buch beginnt mit einer Zirler Weisheit, die da lautet: „Alles erstunken und erlogen!“
Doch genau dagegen wird mit dieser Geschichte im Grunde angeschrieben, und das macht sie auch so lesbar und unterhaltsam. Sie ist nämlich (trotz der einen oder anderen Übertreibung) treffend, wahrer als so manches nach Wahrheit suchende Buch. Schneitter erzählt geradeheraus, mit einer Sprache, die manchmal etwas zu wünschen übrig lässt und doch eigentlich passt, mit einer Haltung, die naiv erscheint und doch eigentlich nur zeigt, wie sehr der Erzähler seine Figuren mag. Er mag sie in ihrem Schillern zwischen Lebenskunst, Beschränktheit, Selbstzerstörung und Heiterkeit. Er mag sie in ihrer Uneindeutigkeit. Er zollt ihnen Respekt. Die vorrangige Qualität dieses Textes ist, dass der Autor, neben all dem Unernst, seine außerhalb bürgerlicher Normen lebenden Typen ernst nimmt. Als unbedarfte Leserin greift man sich an den Kopf darüber, dass in einem Text von kaum hundert Seiten derart viel gesoffen und so viel Unsinn geredet werden kann, spürt aber zugleich die unbändige Herzlichkeit des erzählenden Ichs. Die Klischees, die Schneitter bemüht, liegen am Ende alle platt und man freut sich darüber, eine leichte Lektüre nicht ohne jeden Tiefgang und einigen Lachern genossen zu haben.
Elias Schneitter, Frühstück mit Sonnenbrille
Hinter den Prospekten vom schönen Dorf gibt es jene sozialen Everglades, in denen einsame Jäger ihre Dosenbiere trinken und den Alligatoren beim Dösen zusehen.
In Elias Schneitters skurrilem Roman sitzen ein paar Figuren am Rande des Dorfes und zerkugeln sich vor Lachen. Nicht umsonst heißt ihr Headquarter für geistige Getränke „Kugellagerbar“, eine Bar, von der die kreisförmigsten Gedanken ausgehen. Heißt sie jetzt so, weil einmal ein Mechaniker mit Kugellagern darin gearbeitet hat, oder weil sich alles wie geschmiert im Kreis dreht, oder weil man sich wirklich zerkugelt?
Wie ein gediegener Parkettboden ist der Roman aus schrägen und glatten Holzscheitern zusammengefügt. In kursiver Erzähllage soll Roby in das Gefängnis einrücken, weil noch eine alte Sache offen ist. Herzzerreißend innig verabschiedet er sich von seiner geliebten Rosy, der Abschied dauert länger als jedes Getränk dauern kann, so werden es viele Getränke, bis endlich der Student mit dem Taxi vorfährt. Und im Verlaufe des Romans übernimmt wohl der Student die Rolle des vom Trinkorgasmus geschüttelten Liebhabers, während Roby einsitzt.
In jenen Teilen, wo die Buchstaben scheinbar gerade stehen, geht es um Szenen aus der Randlage der Gesellschaft. In Form von alten Lehrbüchern zu korrektem Benehmen werden Verhaltensweisen angesprochen, die sich kaum korrekt abwickeln lassen.
• Wo Roby und seine Freunde hingehen, wenn sie Trost suchen.
• Wie Rosy und Roby zusammenfinden und welche Rolle Doktor Schiwago dabei spielt.
• Warum es nicht schlecht ist, wenn auch der Professor einmal die Schule schwänzt.
Die Fragen sind teilweise heikel, aber dann doch irgendwie elegant zu lösen. Eine so genannte Liebesinsel, von der aus man ununterbrochen Doktor Schiwago schauen kann, erhöht beispielsweise die Erotik ungemein. Ein abgesandelter Professor, der nicht nur im Trinken sattelfest ist, kann gelungene Eingaben bei Gericht verfassen, und Rosy hat einen Führerschein für alles was Räder hat, so dass sich ab und zu eine Spritztour durch Europa ausgeht.
Elias Schneitter erzählt mit einem knappen Figurenset wie in einem Comics, bei dem ständig die Sprechblasen aus dem Leim gehen. Die Moral der Figuren hat etwas vom Anarchismus eines Mark Twain, man muss auf der Moral aufsitzen und sie zusammenreiten, dann kommt man ungeschoren durchs Dorf. Der Roman ist letztlich für den Leser auch ein Survival-Training, er erzählt, wie die Gesellschaft an den Rändern funktioniert, wenn der Schnickschnack aufhört. Nicht umsonst will der wahnsinnige Professor eine Doktorarbeit schreiben über ein Leben drei Tage lang ohne Gesetz.
Und was hat es mit dem Titel auf sich?
Nach Beendigung seiner Sitzung im Gefängnis geht Roby stracks in die Kugellagerbar und ruft mitten am Tag: Heute gibts Frühstück mit Sonnenbrille. (107)
So hell ist manchmal das wirkliche Leben, dass man es nur mit Sonnenbrille aushält!
Elias Schneitter: Frühstück mit Sonnenbrille. Roby und seine Freunde. Roman.
Innsbruck: Skarabaeus 2005. 108 Seiten. EUR 13,90. ISBN 3-7082-3187-2.
Elias Schneitter, geb. 1953 in Innsbruck, lebt in Zirl.
Geh weg zu mir!
Elias Schneitters "Notizen zu einer Biografie aus dem Umfeld des Central Dichters" als Zettelkasten der Melancholie
Ein guter Text muß genau so erzählt werden, wie ein Zelt aufgestellt wird. Zuerst sagt jemand, da stellen wir es auf, dann werden scheinbar ohne Ordnung gewisse Stifte und Stangen samt ihrer Fachbezeichnung in die Erde gerammt, jemand springt unter einen Haufen von glänzendem Stoff und gibt Kommandos, worauf etwas festgezurrt wird, und schließlich steht das Zelt da, zumindest bis zum Ansprung der ersten Böe.
Elias Schneitters Text mit dem barock-genauen Titel eines Projektes, dem scheinbar schon vor seiner imaginären Einreichung die Struktur in die Mannigfaltigkeit abgedröselt ist, erzählt wie ein Zelt.
Vorerst gibt es Notizen über die wichtigsten Sätze, die man zum Leben braucht. Die Großmutter warnt das Kind eindringlich vor den Katholiken und ihren Irrlehren, was sich als kluger Rat herausstellt, der gerade in Tirol sehr wichtig ist. (Vieles spielt in Tirol, hat aber dennoch den großen Atem der Welt.) Nichts verspricht sich so leicht wie der Mund, sagt sie, und der Vater des notierenden Ichs fügt hinzu: Such dir später einmal eine Halbtagsarbeit, damit du nicht den ganzen Tag nur Blödsinn machst.
So gewarnt und eingestimmt, sammelt das Ich Gesprächsfetzen, die auch ohne Gespräch oft im Gesicht der Dichter hängen, wenn sie tagesmarod aus ihren Schreibnestern fallen.
Viele Untergrunddichter tauchen scheinbar zeitgleich oder zeitlos mit ihren Sätzen auf, alle diese Sätze sind vom Leben gezeichnet, während die Dichter durchs Leben oft die Unschuld gewinnen, statt sie zu verlieren. Und der Central Dichter ist überhaupt ein interessanter Fall. "wo kommt er her? was treibt er und wovon lebt er? wie verdient er seinen lebensunterhalt, und sind hier drogen im spiel? und vor allem: welche?" (8)
Allmählich sind die Felder der Geschichte, Geographie und Lebensweisheit abgesteckt, die Literatur ist zu Wort gekommen, die Schicksale sind mit semantischen Faustschlägen Marke Uppercut elegant zu Boden gestreckt, da rührt sich schließlich die Melancholie. Es geht um die schiere Liebe, die an und für sich schon sehr schwierig ist, aber in Anwesenheit von Dichtern stets das Weite sucht. Es muß mit den Sätzen zusammenhängen, die entweder nicht liebestauglich oder nicht feuerfest genug sind. Mit einem unendlich nachtblauen Ton enden die Notizen in einem Singleabend, der es irgendwie nicht bringt, oder in einem Sud, der für die Bar zu groß ist, oder mit einem Blick auf die Serles und dem Gedanken: "ganz unvernünftig sind meine frau und ich zusammengekommen und haben geheiratet, ehe wir uns dann wieder ganz vernünftig getrennt haben" (56) Das ist Melancholie vom schwersten.
Kafka soll "es" nur selten heimgesucht haben, wer schreibt, der bleibt, nur wo?, heißt es tröstlich lapidar.
Elias Schneitters Text erzählt vom Dichten in der dünnen Luft der Welt, von den Sätzen, die alleine stehen, von der Paradoxie eines Befehles wie "geh weg zu mir" und schließlich von der Sehnsucht nach einem Buch, das man lesen kann wie man will, sogar von Anfang bis zum Ende.
Elias Schneitter: Notizen zu einer Biografie aus dem Umfeld des Central Dichters. Prosa. Mit einem Vorwort von Heinz D. Heisl.
Innsbruck: Skarabaeus 2001. 93 Seiten. 165,- ATS. € 12,00.
ISBN 3-7066-2247-5
Elias Schneitter / Bernd Richter: Pizza-Projekt.
Pizzatexte. Pizzabilder. Pizzaschachtel.
Innsbruck: Pizzaverlag 1997, 40 Seiten.
Die beiden Künstler Bernd Richter und Elias Schneitter haben für ihr jüngstes Oeuvre bewusst die Pizza als die Urform des aufregenden Alltags gewählt. In einer Original-Pizza-Schachtel (27 x 27 cm) werden dem Kunstinteressierten die gewünschten Sachen zugestellt.
Eine Grund-Pizza besteht aus 15 Grafiken (davon fünf koloriert) von Bernd Richter und vierzig Texten von Elias Schneitter. Nicht umsonst haben sich beide jeweils den Ruf eines Pointilisten des Alltags erworben.
Die Literatur Schneitters ist übrigens von jener heimtückischen Schärfe, die erst, wenn es zu spät ist, im Mund aufgeht. Da löffelt man sich eine scheinbare Alltagsgeschichte ein, aber siehe, die Sätze entwickeln plötzlich Wittgenstein`sche Durchschlagskraft.
Weil jede gute Lektüre immer noch Glückssache ist, geben die Autoren nach dem Zufallsprinzip immer wieder Gutscheine in die Pizza, wodurch man eine Pizza um die Ecke erwerben kann.
Das Pizza-Projekt kann sich durchaus sehen lassen: ursprünglich eine Arme-Leute-Sammlung, ist es längst zu einer köstlichen Nationalliteratur geworden.
(14/01/97, Helmuth Schönauer aus: "Literatur und Kritik", Juni 1998, Otto Müller Verlag)
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Elias Schneitter / Bertram Haid (BAES): Pommes.
Eine Story. Just for Friends. Erste Auflage letztmalig.
Literaturcartoons. Innsbruck: Pommes Verlag 1998.
Gute Literatur hat immer auch den Geist des Widerstands in sich. Und nirgendwo lässt sich dieser Geist besser ausleben als an der Alltagsoberfläche der grö§ten Gewöhnlichkeit.
Pommes sind der geniale Beweis dafür, wie man aus einer gewöhnlichen Sache wie der Kartoffel etwas noch Gewöhnlicheres machen kann. Eine Literatur, die sich die Pommes als Hauptdarsteller auserkoren hat, ist daher doppelt genial
Man staunt, was alles mit Pommes in Verbindung gebracht werden kann. In ägyptischen Pyramiden wurden bereits Pommes illegal hergestellt. Einstein hat die Relativitätstheorie auf einem Einkaufszettel mit Pommes frites aufgezeichnet, Journalisten stecken sich Pommes quasi als Ausweis hinters Ohr und John F. Kennedy behauptet in einem Geistesanfall, dass er ein Pommes sei.
Die Literatur der beiden BAES-Künstler nützt neue Formen wie die Maskengestaltung im Internet und füllt sie mit alltäglichen, bodenständigen Inhalten aus. Die Gattungsbezeichnung Literaturcartoons meint, dass eine Menge Literatur vonnöten ist, um zur Klarheit der gezeichneten Aussage zu gelangen. Am besten wirken die "Kunst-Ikonen", wenn man sie mit einem halb zugekifften und halb zugekniffenen Augen betrachtet.
Das wundersame Buch ist übrigens allen Oberländer Kartoffelbauern Tirols und ganz besonders Christopher Kolumbus gewidmet, weil er die Kartoffel zu uns gebracht hat.
(28/11/98, aus: "rotz und wasser" - materialien zur gegenwartsliteratur, skarabaeusverlag, 1998)
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O.P.Zier über Elias Schneitter:
in "Literatur und Kritik", Juni 1998, S. 82,Otto Müller Verlag,
Salzburg, 1998
1953 in Zirl/Tirol geboren, hat Hörspiele, Erzählungen und Gedichte veröffentlicht, im Vorjahr wurde das Theaterstück "mir macht keiner was vor..." aufgeführt.
Jetzt ist er gemeinsam mit Bernd Richter, der bildnerische Arbeiten beisteuerte, unter die Pizzabäcker gegangen: 20 Seiten Text, 15 Grafiken in einer Pizzaschachtel.
Bewundernswert, wie es Schneitter gelingt, ohne großen Aufwand an Themen oder sprachlichen Extravaganzen, Phänomene wie das "Auto" zu beschreiben, die Allgegenwart der Vergangenheit zu verdeutlichen, ein Interesse für das Alltägliche zu wecken, bzw. Spannung aufzubauen:
Es ist die Dramatik des gemeinhin übersehenen, vermeintlich Bedeutungs- oder Belanglosen, die Elias Schneitter so hervorragend darzustellen vermag.
Durch die scheinbare Beiläufigkeit des unaufgeregten Erzählens tritt das Wesentliche der Alltagsphänomene Schneitter gleitet nie in die Plattheit ab scharf konturiert hervor und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck, während gleichzeitig in diesen Texten, unabhängig von der literarischen Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird, der Alltag weiterläuft, als habe ihn dabei nicht soeben ein Autor namens Elias Schneitter ertappt.
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